Rezension: The Virgin Suicides - Jeffrey Eugenides
TW: Suizid, Selbstverletzung, Tod, Misogynie
The Virgin Suicides (dt.: Die Selbstmord-Schwestern, Rowohlt Verlag) vom amerikanischen Pulitzer-Preisträger Jeffrey Eugenides erzählt in reichhaltiger und bildlicher Sprache die Geschichte, oder, besser gesagt, den Mythos der fünf Lisbon-Schwestern, die alle innerhalb eines Jahres Selbstmord begehen. Die Schwestern werden als bildschön beschrieben - und unantastbar, da ihre streng katholische Mutter sie von allen Gefahren abschirmt, und so auch vom Kontakt mit dem männlichen Geschlecht. Diese Unerreichbarkeit macht die Mädchen in der amerikanischen Kleinstadt zu Mythen und Objekten des Interesses der gesamten Stadt, doch ganz besonders der (jungen) Männer der Stadt.
Dieser spannungsreiche Roman erhielt nicht umsonst einen Sonderstatus des "modernen Klassikers" in der englischsprachigen Literatur; macht doch bereits die Erzählperspektive das Buch einzigartig. Die Geschichte wird aus der "Wir"-Perspektive beschrieben; das "Wir" bleibt unbenannt, man kann jedoch davon ausgehen, dass es sich um inzwischen erwachsene Männer handelt, die damals, in den 1970er Jahren, die Schwestern Lisbon beobachteten, anhimmelten und ausspionierten. Die Erzählperspektive ist also eine in die Vergangenheit gerichtete "Wir"-Perspektive, was die Erzähler sehr unzuverlässig macht. Als Leser fühlt man sich wie ein Mitglied der amerikanischen Kleinstadt, dem Klatsch und Tratsch über die seltsamen Vorkommnisse im Hause Lisbon erzählt wird. Oft werden Figuren ohne weitere Erklärung eingeführt, Details über scheinbar unwichtige Nebencharaktere spezifisch ausgeführt und Vorkommnisse als bekannt vorausgesetzt. Diese voyeuristische Perspektive zeichnet sich zudem durch die starke Sexualisierung und Objektifizierung der Mädchen aus, an der man mit einem unwohlen Gefühl in der Magengegend teilhaben "muss". Trotz, oder vielleicht gerade wegen ihres jungfräulichen, unantastbaren Status werden die Schwestern von den Männern der Stadt genaustens beobachtet und begehrt.
Der treibende Faktor des Buches, der Grund für die Selbstmorde, wird jedoch ausgelassen, da der Leser nie einen Einblick in die Psyche der Schwestern erhält, sondern nur in die Theorien und Fantasien der männlichen Erzähler.
Setzt man voraus, dass der Autor genau das kritisieren wollte, hält das Buch auf eine beeindruckende Art und Weise einen Spiegel vor Abgründe der Objektifizierung und Sexualisierung von jungen Frauen, sowie auch die Romantisierung von Selbstmord bei Frauen. Keine Figur aus dem Buch bietet der Familie Lisbon nach dem Selbstmord der ersten und jüngsten Tochter Cecilia ihre Hilfe an; stattdessen spricht die ganze Stadt über die Familie. Diese Unfähigkeit der anderen Erwachsenen mag ein weiterer Kritikpunkt von Eugenides sein; explizit gemacht wird diese Kritik jedoch nie.
Das Buch lässt viele Fragen offen, die genaue Intention des Autors wird auch nie klar - ein vielschichtiges Buch, welches ich nur einem Leser empfehlen würde, der bereit ist, die Geschichte kritisch zu betrachten. Zudem sollten die vielen Triggerpunkte betrachtet werden, die oben angegeben sind, denn das Buch enthält keine Triggerwarnung.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen