Rezension: Jane Eyre - Charlotte Bronte
TW: toxische Beziehungen, Rassismus
Mit Jane Eyre (Penguin Verlag) hat Charlotte Bronte schon früh ein feministisches Meisterwerk erschaffen - der Klassiker hat nur wenig an Aktualität verloren und behandelt viele wichtige Themen wie die weibliche Selbstbestimmung, die prekäre Arbeitssituation vieler Frauen im viktorianischen Zeitalter und den ewigen Kampf zwischen Ratio und Liebe.
Jane Eyre ist als (fiktionale) Autobiographie konzipiert, die Bronte damals noch unter dem Namen Currer Bell veröffentlichte; vermutlich, um sich die Kredibilität bei den hauptsächlichen männlichen Lesern einzuholen, die Interesse an der mysteriösen Rolle der Gouvernante hegten. Heute wird das Werk vielmals als Liebesroman eingeordnet; ich möchte es hier eher als Coming of Age Roman betrachten.
Jane Eyre wächst bei ihrer Tante auf, die ihr kaum Liebe und Aufmerksamkeit schenkt - ein klassisches böse-Stiefmutter Motiv. Durch Streits mit ihrem Cousin und den Cousinen wird Jane schließlich so wütend, dass ihre Tante sie auf ein streng christliches Internat verbannt. Auf diesem bessert sich ihre Situation kaum, sie findet kaum Freunde, wird häufig bestraft und muss sich strengen Regeln anpassen. Nach einigen Jahren jedoch findet Jane einen Platz in der Gesellschaft und arbeitet fortan als Lehrerin im Internat. Nun ist Jane also als Erwachsene in der Gesellschaft angekommen - und nimmt nun einen Job als Gouvernante in Thornfield Hall an, einem Herrenhaus mehrere Reisestunden vom Internat entfernt.
In Thornfield Hall spielt sich auch der den meisten so bekannte Teil der Geschichte an, in dem Jane den mysteriösen Anti-Hero und love interest Mr. Rochester kennenlernt. Während Jane und Mr Rochester sich langsam annähern, erfährt Jane immer mehr Mysteriöses über Thornfield Hall - es scheint im Herrenhaus zu spuken!
Der Roman, der oft auf den romantischen Aspekt reduziert wurde, bietet so viel mehr - die Selbstfindung, die Emanzipation einer viktorianischen Frau, die ohne Eltern und Wohlstand aufwächst und ihren Platz in einer frauenfeindlichen Gesellschaft sucht. Neben reicher Heirat und Prostitution bleiben ihr nur wenige weitere Wege, Geld zu verdienen - und so arbeitet sie als Gouvernante.
Die Geschichte von Jane Eyre ist zudem spannend, hat viele Gothic Anteile und lässt den Leser lange rätseln, was hinter den mysteriösen Vorkommnissen in Thornfield Hall wirklich steckt - die Erklärung hingegen ist seltsam und unzureichend, und außerdem mit rassistischen und sexistischen Vorurteilen aufgeladen. Auch die Love Story zwischen Jane und Mr Rochester ist alles andere als romantisch; zu groß ist der Altersunterschied und die Hierarchie zwischen den beiden. Zudem kommt es zu mehreren emotional und teilweise körperlich übergriffigen Handlungen seitens Mr Rochester, sodass ich als Leserin nicht gerade darauf hoffte, dass Jane und Mr Rochester endlich (wieder) zu einander finden.
Insgesamt ist Jane Eyre ein Klassiker, der sich leicht lesen lässt und den Leser schnell in den Bann zieht; eine definitiv empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich für englische Literatur und Frauenbilder interessieren oder aber auch für diejenigen, die sich für gotische und spannende Literatur interessieren. Jane Eyre sollte mit unserem heutigen Wissen jedoch definitiv unter einer kritischen Linse betrachtet werden - die "romantische Beziehung" ist meiner Meinung nach nicht romantisch, sondern voll von toxischen Elementen.
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